21 December 2025, 20:31

"Salome" von Evgeny Titov: Ubiquitärer Verlangen

Menschen in farbigen Kleidern, die auf einer Bühne mit Lautsprechern gegen einen dunklen Hintergrund mit einer Werbetafel auftreten.

"Salome" von Evgeny Titov: Ubiquitärer Verlangen

"Salome" von Evgeny Titov: Allgegenwärtiges Begehren

Was tun mit einem Skandalwerk von vor 100 Jahren, wenn der Skandal verflogen ist? An der Komischen Oper Berlin präsentiert Evgeny Titov eine neue Deutung von Richard Strauss’ Salome – gesangsfreundlich inszeniert.

Evgeny Titovs kühnne Neuinszenierung von Salome feierte am 22. November 2025 an der Komischen Oper Berlin Premiere. Die im Schillertheater angesiedelte Produktion löst sich von traditionellen Operninterpretationen und erkundet stattdessen Begehren, Zurückweisung und Selbstfindung durch eindringliche Bilder sowie eine radikale Neuerfindung der Figuren. Strauss’ einst in Wien verbotenes, umstrittenes Werk provoziert auch mehr als ein Jahrhundert nach seiner skandalumwitterten Uraufführung noch immer.

Titovs Blick richtet sich auf Salome als ungeformte Gestalt – eine unvollendete Figur –, statt auf die vertraute Femme fatale oder Verführerin. Ihr Weg entfaltet sich durch die Abweisung Jochanaans, die ihre Identität und deren düstere Abgründe offenbart. Der Regisseur meidet psychologischen Realismus oder romantische Klischees und setzt stattdessen auf symbolträchtige Bilder: Salome erscheint kopflos in einem silbernen Kleid und mit weißer Kapuze, ihr Gesicht verborgen wie eine leere Leinwand für Projektionen von Voyeurismus, Tabu und Tod.

Das Bühnenbild, gestaltet von Rufus Didwiszus, zeigt einen schroffen, matt-goldenen Gewölberaum, der die Themen erotischer Phantasien und Instabilität unterstreicht. Nicole Chevalier als Salome bewegt sich in der beengenden Kapuze über die Bühne – eine Entscheidung, die ihre Gesangsdarbietung erschwert, ihrer kraftvollen Performance jedoch keinen Abbruch tut. Matthias Wohlbrechts Herod durchdringt die Atmosphäre dagegen mit schneidender, durchdringender Stimme und verstärkt so die Angst und Bedrohung der Figur. Einige Schlüsselmomente verlieren an Wirkung, wenn die BDSM-Party-Ästhetik der Inszenierung abrupt verblasst. Titovs Choreografie für Salomes Tanz – aufgeführt von mehreren maskierten Tänzer:innen – mindert zudem ihre Handlungsmacht und reduziert sie zur passiven Figur, statt zu einer von Absicht getriebenen Frau. Begehren durchzieht die Inszenierung, in der sich die Charaktere an jene klammern, die sie zurückweisen, doch das emotionale Zentrum gerät mitunter hinter dem visuellen Spektakel aus dem Blick.

Strauss’ Oper, zunächst in Wien verboten und unter strengen Auflagen in Berlin uraufgeführt, wurde zum sofortigen Erfolg. Trotz verblassten Skandals bleibt ihre provokative Kraft bestehen – und Titovs Interpretation stößt auf Respekt für ihren Ehrgeiz und ihre Originalität.

Die Produktion ist noch an drei weiteren Terminen zu sehen: am 7., 12. und 18. Dezember. Titovs Salome fordert das Publikum mit ihrem schonungslosen Fokus auf Erotik und existenzielle Offenbarung heraus, gerahmt von Didwiszus’ markantem Bühnenbild. Die Inszenierung der Komischen Oper Berlin stellt einen gewagten Beitrag zur langen, umstrittenen Geschichte des Werks dar.