Hamburger Staatsoper wagt mit Kratzer und Wellber radikalen Neuanfang
Adriane BoucseinHamburger Staatsoper wagt mit Kratzer und Wellber radikalen Neuanfang
Die Hamburger Staatsoper schlägt unter der Leitung von Tobias Kratzer einen mutigen neuen Kurs ein. Ab der Spielzeit 2025/26 setzt das Opernhaus auf frische Formate, wiederentdeckte Werke und eine enge Zusammenarbeit mit Generalmusikdirektor Omer Meir Wellber. Die erste große Produktion, Schumanns Das Paradies und die Peri, sorgt bereits mit ihrer modernen Interpretation und immersiven Inszenierung für Gesprächsstoff.
Die Saison eröffnete mit Schumanns selten aufgeführtem Oratorium Das Paradies und die Peri in der Regie von Kratzer und unter der musikalischen Leitung von Wellber. Die Produktion brach bewusst mit der Tradition, indem sie die Handlung in eine zeitgenössische Kriegszone verlegte, in der einfache Menschen einen von einer weißen Führungsschicht geschürten Konflikt ausfechten. Ein zentraler Moment zeigte den sterbenden Jüngling – einen schwarzen Mann, der sich gegen Autoritäten auflehnt –, während sich Themen wie Seuchenbekämpfung und die Klimakrise durch die Erzählung zogen. Die vierte Wand wurde komplett abgerissen: Die Sängerin Vera-Lotte Boecker, in der Rolle der Peri, kletterte über die Sitzreihen, um direkt mit dem Publikum zu interagieren.
Wellber dirigierte das Philharmonische Staatsorchester Hamburg zu einer mitreißenden Darstellung und erntete Lob für seine energiegeladene Interpretation. Die Premiere erhielt gemischte, aber überwiegend begeisterte Reaktionen: Einige Zuschauer buhten, die Mehrheit feierte jedoch Kratzers kühne Vision. Diese Produktion ist erst der Auftakt einer Spielzeit voller Innovationen, darunter die Uraufführung von Olga Neuwirths Monster's Paradise (1. Februar 2026) und eine neu interpretierte Fassung von Frauenliebe und -leben, die Werke von Bartók und Zemlinsky verbindet. Mozarts Die große Stille folgt am 15. März 2026, wieder unter Wellbers Stabführung.
Kratzer hat deutlich gemacht, dass er die Staatsoper für ein breiteres Hamburger Publikum öffnen will. Neben Premieren führt er selbst kuratierte Musiktheaterabende ein, die neue Zuschauer gewinnen und aktuelle gesellschaftliche Debatten aufgreifen sollen.
Die Spielzeit 2025/26 markiert einen klaren Wandel für die Hamburger Staatsoper, bei dem Kratzer und Wellber Experimentierfreude und Publikumsnähe in den Vordergrund stellen. Werke wie Neuwirths Monster's Paradise und das hybride Frauenliebe und -leben werden die Grenzen weiter ausloten. Die Resonanz auf Das Paradies und die Peri zeigt: Auch wenn die neue Ausrichtung nicht unumstritten ist, hat sie bereits einen Nerv getroffen.






