Halberstadts verdrängte jüdische Vergangenheit und die gescheiterte DDR-Erinnerungskultur
Bernhardine RörrichtHalberstadts verdrängte jüdische Vergangenheit und die gescheiterte DDR-Erinnerungskultur
Halberstadts jüdische Geschichte während und nach der NS-Zeit wurde oft übersehen. In seinem neuen Buch „Verdrängtes Erbe“ untersucht Philipp Graf diese Vergangenheit und die gescheiterten antifaschistischen Erinnerungsversuche der DDR. Die Geschichte der Stadt beginnt nicht mit den Kriegsbombardements, sondern mit der Zerstörung ihrer Synagoge 1938 während der Novemberpogrome.
Die Verfolgung der jüdischen Gemeinde Halberstadts setzte lange vor dem Krieg ein. 1938 wurde die Synagoge in einem gewaltsamen Pogrom demoliert. Bis 1942 waren die meisten jüdischen Bewohner:innen deportiert, ihre Geschäfte beschlagnahmt oder zweckentfremdet. Nach dem Krieg entstand 1949 auf dem Gelände des nahegelegenen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge eine Gedenkstätte – doch 1969 wurde sie zu einer politischen Versammlungsstätte umgebaut, direkt über den Gräbern der Häftlinge.
Das Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte blieb ambivalent. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 nach Ost-Berlin zog, nahm drei Schallplatten auf, verschwand nach dem Sechstagekrieg 1967 jedoch aus den Sendungen. Überlebende wie Peter Edel und Jurek Becker veröffentlichten dagegen 1969 in der DDR Romane – seltene Zeitzeugnisse aus den NS-Lagern.
Die Rathaustpassagen, ein nachkriegszeitlicher Gebäudekomplex, wurden 2018 an eine jüdische Immobilienfirma verkauft. Unter ihnen verläuft ein Tunnelsystem, das einst zum KZ gehörte und 1979 von der Nationalen Volksarmee der DDR als Militärdepot genutzt wurde. Grafs Buch hinterfragt herkömmliche antifaschistische Narrative und zeigt, wie sowohl rechtsextreme als auch linksideologische Systeme den Antisemitismus nie angemessen aufarbeiteten.
Grafs Arbeit deckt die Lücken auf, mit denen Halberstadt – und die DDR – ihre jüdische Vergangenheit erinnerten. Gedenkstätten, Bücher und umgenutzte Orte erzählen eine fragmentarische Geschichte von Verdängung und unvollständiger Aufarbeitung. Heute dient die Stadtgeschichte als Fallbeispiel dafür, wie politische Ideologien das Erbe der Verfolgung prägten – und mitunter verzerrten.






