Europas gefährliche Medikamentenabhängigkeit: Warum die Lieferketten wackeln
Adriane BoucseinEuropas gefährliche Medikamentenabhängigkeit: Warum die Lieferketten wackeln
Europas Abhängigkeit von Arzneimittelimporten steht in der Kritik
Auf einer kürzlichen Branchenkonferenz geriet die starke Abhängigkeit Europas von ausländischen Medikamentenlieferungen in den Fokus. Experten diskutierten auf der Handelsblatt-Veranstaltung "Pharma 2026" die Risiken der globalen Abhängigkeit – insbesondere von China und Indien. Besorgnis erregten vor allem Antibiotika, Generika und die Notwendigkeit einer stärkeren heimischen Produktion.
Thomas Weigold, Chef von Sandoz/Hexal in Deutschland, warnte vor den Gefahren einer zu starken Abhängigkeit von chinesischen Antibiotika und Generika. Er plädierte für mehr Eigenständigkeit und kritisierte, dass ständige neue Regulierungen die Hersteller finanziell zusätzlich belasteten. Dr. Kai Joachimsen, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie (BPI), hielt dagegen: Die Bevorratung von Generika sei kaum umsetzbar. Stattdessen müsse Gesundheitspolitik als Sicherheitspolitik verstanden werden.
Tim Steimle, Pharma-Chef der Techniker Krankenkasse (TK), berichtete, Deutschland habe für 47 Prozent seiner Arzneimittelversorgung einen Vorrat für sechs Monate aufgebaut. Dennoch stellte er infrage, ob die Globalisierung zurückgedrängt werden solle – angesichts der Komplexität der Lieferketten. Er verwies darauf, dass Rabattverträge zunehmend durch Liefervereinbarungen ersetzt würden, wobei Kinderarzneimittel weiterhin ausgenommen blieben. Zudem unterstützte er ein geplantes Freihandelsabkommen mit Indien.
Kerem Inanc, Geschäftsführer von Alliance Healthcare Deutschland (AHD), hielt den sechmonatigen Vorrat für unzureichend. Er forderte klare Szenarien für die Krisenvorsorge und kritisierte die Annahme, dass die Resilienz der Logistik automatisch gegeben sei. Inanc betonte zudem die Notwendigkeit, die Abhängigkeit von US-Seehandelsrouten zu verringern. Weigold hingegen bezeichnete das Indien-Handelsabkommen als "absurd" – es werde die Resilienz bei Generika weiter schwächen.
Die Debatte offenbarten tiefe Sorgen über die Verwundbarkeit der europäischen Arzneimittelversorgung. Die Experten waren sich einig, dass Investitionen in Forschung und Produktion unverzichtbar seien – reine Bevorratung allein werde das Problem nicht lösen. Gleichzeitig wurden die Spannungen zwischen Handelsabkommen, regulatorischen Kosten und dem Streben nach größerer Unabhängigkeit deutlich.






