19 December 2025, 16:30

Die Wahrheit

Ein mit Lichtern geschm├╝ckter Weihnachtsbaum mit einem Vorhang und einer Topfpflanze im Hintergrund.

Die Wahrheit

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Vor Weihnachten allgegenwärtig: In Bayern ist das Gedicht „Heilige Nacht“ des noch immer beliebten Antisemiten Ludwig Thoma nicht wegzudenken.

  1. Dezember 2025, 23:06 Uhr

Unterhaltung, Popkultur

Eine seit langem gepflegte Weihnachtsradition in Bayern gerät erneut in die Kritik. Ludwig Thomass Gedicht „Heilige Nacht“, das in der Adventszeit überall vorgetragen und gesungen wird, enthält antisemitische Untertöne. Obwohl das Werk in volksmusikalischen Kreisen nach wie vor beliebt ist, hat sein problematischer Inhalt eine neue Debatte über das Erbe des Autors ausgelöst.

Der berühmte Refrain – „So hat die Nacht / Den Heiland bracht / Zu dieser Stund. / Ehre sei Gott in der Höhe / Und Frieden den Menschen herunt!“ – wird in der Region noch immer gesungen. Doch Forderungen, Thomass öffentliche Ehrungen, etwa durch Straßenbenennungen, zu überprüfen, stoßen weiterhin auf Widerstand von Behörden und Kulturverantwortlichen.

In „Heilige Nacht“ schildert Thoma die Reise von Maria und Josef nach Bethlehem auf eine Weise, die Kritiker als abwertend bezeichnen. Trotzdem ist das Gedicht fester Bestandteil von Weihnachtsveranstaltungen, besonders in München, Ingolstadt und Regensburg. Die jährlichen Aufführungen des Sängers Enrico de Paruta ziehen große Menschenmengen an und festigen den Platz des Werks in der bayerischen Tradition.

Versuche, nach Thoma benannte Straßen umzubenennen, scheiterten bisher immer wieder. Befürworter einer Änderung – darunter linke Politiker, jüdische Organisationen, Antirassismus-Initiativen und Studierendengruppen – verweisen auf seine späteren Schriften, in denen antisemitische und nationalistische Ideen propagiert werden. Doch bürokratische Hürden, politischer Widerstand und öffentliche Gleichgültigkeit blockieren die meisten Vorhaben. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat sich öffentlich gegen die Umbenennung einer nach Thoma benannten Straße ausgesprochen. Gegner argumentieren, die kulturelle Bedeutung des Autors überwiege seine umstrittenen Ansichten. Eine Umbenennung würde ihrer Meinung nach die eigentlichen Probleme nicht lösen, und Thomass Erbe müsse im historischen Kontext bewertet werden. Frühere Kampagnen scheiterten an rechtlichen Hindernissen, zersplitterten Stadträten und Widerstand aus der Bevölkerung. Zwar räumen einige die anstößigen Passagen des Gedichts ein, doch viele verteidigen Thoma weiterhin als prägende Figur der bayerischen Kultur. Die Diskussion zeigt das Spannungsfeld zwischen Traditionspflege und der Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten der Vergangenheit.

„Heilige Nacht“ bleibt ein fester Bestandteil der Weihnachtsbräuche – doch der Inhalt hält die Debatte am Leben. Umbenennungsinitiativen haben es schwer, denn Politik und Öffentlichkeit stellen sich oft gegen Veränderungen. Vorerst bleibt Thomass Name – und sein umstrittenes Werk – fest in der bayerischen Kultur verankert.